"Marsch des Lebens" in Österreich 2014

Mit der Wahl der Region Mauthausen - Gusen - St. Georgen für den ersten "Gedenk- und Versöhnungsmarsch" in Österreich wurde am 6. April 2014 über eine Wegstrecke von 8 km von der Gedenkstätte Mauthausen bis zur Stollenanlage "Bergkristall" die hierzulande noch wenig wahrgenommene dunkle Vergangenheit des Konzentrationslagers Gusen als Zwillingslager von Mauthausen sichtbar.

850 Teilnehmer fanden sich um 13:00 Uhr am Vorplatz der KZ Gedenkstätte Mauthausen zum ersten "Marsch des Lebens" in Österreich ein und wurden in Vertretung der Veranstalter von Marie-Louise Weissenböck, der Vorsitzenden von Christen an der Seite Israels in Österreich, begrüßt. Grußworte überbrachten auch der polnische Botschafter Artur Lorkowski, der Slowene Dušan Stefan?i? und Vorsitzender des Internationalen Mauthausenkommitees, selbst ein Gusen II Überlebender, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde Linz Charlotte Hermann sowie Pastor Jobst Bittner, der Initiator der "Marsch des Lebens" Bewegung in Deutschland. Danach setzten sich die Teilnehmer aus vielen Teilen Österreichs und Süddeutschlands, aus Italien und eine Jugendgruppe aus Polen in Bewegung. Die 8 km lange Marschroute [siehe Google Map] führte auf ihrer ersten Etappe über die sogenannte "Todesstiege" von Mauthausen zur ersten Gedenkstation im ehemaligen Granitsteinbruch "Wiener Graben". Tausende Häftlinge wurden auf dieser Teilstrecke täglich beim Schleppen der Steine gequält, um die Festungsähnliche Anlage auf der Anhöhe zu errichten. Unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen oder gezielten Ermordungen fanden unzählige Menschen den Tod. Schon 1939 wurde das KZ Areal von Mauthausen erweitert auf die nahegelegenen Steinbrüche in Gusen. Mit den unzähligen Gefangenentransporten von Mauthausen in das 4 km entfernt liegende Zwillingslager Gusen konnte die Kapazität der "Vernichtung durch Arbeit" in der "Hölle von Gusen" erhöht werden.

Auf der gesamten Wegstrecke hielten die Teilnehmer an vier historischen Gedenkorten inne. Nach einer kurzen historischen Einführung erzählten die Überlebenden aus Israel, Italien, Polen und Slowenien ihre authentischen Erlebnisse und Erfahrungen an den Orten der Verbrechen. Stanislaw Zalewski aus Polen, sagte: "Der Boden war mit Blut von Tausenden durchtränkt." Neun Monate lang war Herr Zalewski in Mauthausen und Gusen interniert.

Nach mehreren Augenzeugenberichten der KZ-Überlebenden im ehemaligen Granitsteinbruch "Wiener Graben" ergriff ein Österreichischer Teilnehmer das Wort:

"Das letzte Mal war ich vor 35 Jahren als Rekrut des Österreichischen Bundesheeres vor Ort. Damals haben wir Witze darüber gemacht, was hier geschehen ist. Ich schäme mich heute dafür. Mein Großvater war als Angehöriger der SS Polizist in Krakau und an den Gräueltaten im Ghetto direkt beteiligt. In meiner Familie ist bis heute Schweigen und immer noch wird Nazi-Gedankengut gepflegt. Ich stehe heute hier und bitte Sie von Herzen um Vergebung!"

Die zweite Etappe führte durchs Riederbachtal, vorbei an den Resten alter Granitsteinmauern und Betonfundamenten, wenig beachtete Relikte der NS Rüstungsindustrie der Steyrer Daimler Puchwerke. Entlang der Straße liegt kaum wahrnehmbar eine Kunstinstallation von steinernen Menschenköpfen, angeordnet in einer Marschkolonne. Sie sind ein Mahnmal für die unzähligen Todesmärsche, die zwischen Mauthausen und Gusen, sowie nach und von diesen beiden Lagern geführt wurden.

Nach dem Passieren der ehemaligen Kommandantur in Gusen, die heute als Privatvilla bewohnt wird, erreichten die Teilnehmer den zweiten Gedenkort beim Memorial Gusen, auf jenem Gelände, wo nur mehr das Krematorium an des "vergessenen Lager" Gusen erinnert. Das Lager Gusen ist selbst in Fachkreisen wenig bekannt, obwohl dort von 1942 bis 1945 mehr Personen interniert waren als in Mauthausen. 44.000 Menschen wurden in Gusen ermordet. Martha Gammer, Vorsitzende des Gedenkdienstkomitees Gusen, erläuterte die Geschichte dieses Ortes, den Teilnehmern, deren Anzahl sich inzwischen auf etwa 1.000 erhöht hat. Mit Kindergedichten aus dem Ghetto Theresienstadt wurde an die Ermordung der vielen jüdischen Kinder gedacht.

Zwei Jugendliche der Kisi Kids, den God's singing kids aus Altmünster, lasen Kindergedichte aus dem Ghetto Theresienstadt. "Ich bin ein Stern" wurde von Inge Auerbach geschrieben:

"Sterne am Himmel, ein Stern auf der Brust, ich hab's längst gewusst, kein Zeichen der Schande ist er, der Stern. Ich trag ihn mit Stolz, ich trage ihn gern. Sie sind von Gott, die Sterne der Nacht, auch mich, auch mich hat er gemacht. Weine nicht Mama, hör mein Versprechen. Niemand wird meine Seele zerbrechen. Ich bin ein Stern."

Der Junge Franta Pass wurde am 19. Oktober 1944 in Auschwitz ermordet. Er war 14 Jahre alt und schrieb das Gedicht "Das Zuhause":

"Ich schaue, schaue, schau in die weite Welt, in die weite, weite, entfernte Welt. Ich schaue und schau nach Südosten hin und suche mit Blicken die Heimat. Ich suche die Heimat und meine Vaterstadt, du Stadt aller Städte. Ich käm' so gerne heim."

Psalm 13 verlesen in hebräischer und deutscher Sprache, ein Psalm Davids bringt mit vielen Fragen die Sehnsucht nach Errettung zum Ausdruck: "[...] Wie lange noch, Herr, wirst Du mich vergessen? Eine Ewigkeit? Wie lange noch wirst Du Dein Angesicht vor mir verbergen? [...] Schau her, antworte mir, HERR, mein Gott! [...]". Beim Entzünden von sechs Kerzen wurde an das unfassbare, lange verdrängte und verschwiegenen Leid so vieler Menschen gedacht.

Der dritte Gedenkort lag nur wenige hundert Meter entfernt auf einer Wiese in Mitten einer Wohnsiedlung. Nichts erinnert hier mehr an das Lager Gusen II, das vor 70 Jahren am 9. März 1944 für 16.000 Gefangene errichtet wurde. Gusen II war mit einer Todesrate von 84% das grausamste aller Konzentrationslager überhaupt. Stanislaw Zalewski verglich Gusen I mit einem "Vorzimmer zur Hölle", Gusen II aber war "die Hölle" selbst: "Tiefer könnte man nicht kommen!"

Dušan Stefan?i? berichtete von seiner Überstellung von Gusen I in das Lager II.

"Dazwischen lag eine Kartoffelmiete. Die Kartoffel waren aber nur für die SS. Wir aßen nur die Steckrübe. Als wir durch das Tor gekommen sind in unsere Baracke, das war es für uns ein Schock, als wir aufgestapelte nackte Leichen gesehen haben. In der Baracke war der Zustand der selbe. In Gusen II herrschte der Tod und die Gewalt. [...] Es waren schlecht ausgerüstete Eisenbahnwaggons mit einem aus Brettern gebauten Dach. Mit dieser Eisenbahn wurden wir nach St. Georgen gebracht in die Stollen, wo man die Wunderwaffe Me 102 gebaut hat. Es war der erste Düsenjäger im Zweiten Weltkrieg. Er war sehr erfolgreich, zu spät zum Glück. Aber diese Fertigung von diesen Flugzeugen, auch die Fertigung der Tunnels, die unterirdische Fabrik kostete viele tausende Leben. Sie müssen sich vorstellen, dass hier jeden Tag 5.000 Leute ausgerückt sind zur Arbeit."

Yehiel Aleksander sprach von 8-9 Stunden Arbeit pro Tag: "Das hier waren keine Menschen, vielleicht waren hier nur Körper, die alle Befehle ausführen mussten." Armando Gasiani musste an seine Freunde denken: "Dieses Gedenken dient dazu, dass man sich an all die erinnert, die wegen der Diktatur und Gewalt sterben mussten. Das ist der Sinn, warum wir uns hier erinnern. Ich bin emotional ziemlich bewegt."

"Gusen II steht aber auch dafür, dass über Schuld niemals Gras wachsen kann.", so Jobst Bittner, daher bekannten auch hier vier Teilnehmerinnen aus der Tätergeneration, wie ihre Vorfahren in das verbrecherische Regime involviert waren und sprachen die lange verschwiegene Wahrheit aus. Als Mitglieder der NSDAP begrüßten ihre Vorfahren die NS-Ideologie und dienten einem menschenverachtenden Regime. Als Lehrer der Rassenhygiene, als Ingenieur der IG-Farben, der Linzer Stickstoffwerke kollaborierte man mit dem KZ Gusen, als Mitglied der Deutschen Luftwaffe half man beim Montieren von todbringenden Fliegerbomben, als Ausbildner von Frontsoldaten an der Waffe unterstützte man ein System, das vielen Menschen den Tod brachte. Für all diese Handlungen ihrer Vorfahren baten sie von Herzen die Überlebenden um Vergebung.

Itzhak Bronstein, der als 16-Jähriger 1944 von Auschwitz nach Mauthausen deportiert und wenige Tage später nach Gusen verlegt wurde, kam durch die Einladung zum "Marsch des Lebens" nach 69 Jahren zum ersten Mal wieder an den Ort seiner schmerzhaften und traumatische Erinnerungen zurück. In unerwartet versöhnlichen Worten wandte er sich an die Teilnehmer: "Als ich das letzte Mal hier war, wurde ich gezwungen zu kommen. Diesmal wurde ich von Freunden eingeladen. - Ich danke Ihnen für diese besondere Initiative!"

Nach den sehr bewegenden Worten in Gusen II zogen dunkle Wolken über die vielen versammelten Menschen auf. Als sie den Weg der letzten Etappe über die ehemalige Schleppbahntrasse fortsetzten, entlud sich der Himmel und ein gewaltiger Regenguss ging auf die Marschierenden nieder. Sie passierten dabei das ehemalige Gelände des SS-Übergabebahnhofs und Überquerten die Schleppbahnbrücke aus Beton, die Häftlinge in nur einer Nacht errichten mussten. Viele waren durchnässt, als sie sich nach einer Stunde beim vierten und letzten Gedenkort vor der ehemaligen Stollenanlage "Bergkristall" in St. Georgen/Gusen einfanden. Rudolf Haunschmied vom Gusen Gedenkdienstkommitee berichtete vor Ort vom unfassbaren Leid für  16.000 Menschen, die zur Hälfte die Stollenanlage graben mussten. - Zu ihnen gehörte auch Joseph Fisher, was sein Sohn David erst aus den Memoiren des Vaters erfuhr. - Die andere Hälfte wurde zur Fertigung von Flugzeugen gezwungen. Mehr als die Hälfte der Gefangenen verlor durch die unmenschlichen Arbeitsbedingungen ihr Leben für die größte und modernste unterirdische Fabrik des Deutschen Reiches. Unvergleichlich viele jüdische Menschen, welche die geringste Überlebenschance hatten, kamen dabei um.

Für sie sang Oberkantor Shmuel Barzilai aus Wien in Begleitung des Klarinettisten Rupert Stelzer das Gebet "Eli Eli". Der Text stammt von der jungen Hannah Senesh, die 1944 als jüdische Partisanin mit einem Fallschirm auf jugoslawischen Boden absprang um Juden zu retteten. Sie wurde jedoch aufgegriffen und exekutiert. Auf einem kleinen Zettel fand man in ihrer Kleidung das Gebet "Eli Eli", das später vertont wurde. - Zum allerersten Mal überhaupt wurde beim Stollen "Bergkristall" in St. Georgen "El Male Rachamim", "Gott voller Erbarmen" zum Gedenken an die Opfer des Holocaust und das "Kaddish", das jüdische Totengebet gesprochen und Shmuel Barzilai tat dies gemeinsam mit den jüdischen Überlebenden. Der Oberkantor schloss seine musikalischen Beträge mit dem Lied "Ani Ma'amin" mit dem Text "Ich glaube mit fester Überzeugung an das Kommen des Messias. Auch wenn er zögert, ich werde auf IHN warten." Dieses alte Gebet der jüdischen Tradition wurde von einem Rabbiner auf seiner Deportation im Viehwaggon vertont. Der Komponist wurde ermordet, das Notenblatt mit der Melodie konnte von seinem Kameraden gerettet werden.

Paul Riedmann, Priester der röm.-kath. Kirche, Helmuth Eiwen und Jakob Krämer, Pastoren der freikirchlichen Elaia-Gemeinden in Österreich und Heribert Binder, Pfarrer der Evangelischen Kirche sprachen ein gemeinsam verfasstes Schuldbekenntnis:

"[...] Aus unbegreiflicher Gnade hast Du uns Christen aus den Nationen
hineingenommen in den Segen, der von Deinem Diener Abraham ausgeht und in alle Familien auf Erden kommen soll ... rettend, heilend, ermutigend, wegweisend ....!
Wir haben das so oft und wunderbar erfahren dürfen.
Umso tiefer schmerzt es uns, wenn wir daran denken,
dass wir Teil eines Volkes sind,
das an Millionen von Menschen aus anderen Völkern
so unsäglich grausame Verbrechen begangen hat;
ja in teuflischem Hass sogar versucht hat,
Dein Volk, Du Heiliger Israels, vom Erdboden auszurotten.[...]"

[Download des vollständigen Schulbekenntnisses]

Zum Abschluss verlasen Marie-Louise Weissenböck und Jobst Bittner eine gemeinsame Erklärung:

"[...] Wir bekennen gemeinsam und versprechen, dass wir gegen jede Form von Judenhass und modernen Antisemitismus unsere Stimme erheben, jüdisches Leben als Teil unserer österreichischen Identität willkommen heißen und nicht aufhören werden Israel zu segnen. [...]"

[Download der Deklaration]

[Link zu mehr Fotos] © Marsch des Lebens Österreich

Zusammenfassung von Angelika Schlackl

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Kontoinhaber: Christen an der Seite Israels - Österreich
Konto-Nr: 4100 235226
BLZ: 32667
IBAN:  AT12 3266 7041 0023 5226
BIC: RLN WAT WW PRB
Verwendungszweck: "Marsch des Leben"

 

Christen an der Seite Israels ist eingetragen bei der Bundespolizeidirektion Wien, Büro für Vereins-, Versammlungs- und Medienrechtsangelegenheiten unter der Vereinsregister-Nr. ZVR 245887564. Der Verein ist als gemeinnützig und mildtätig anerkannt.