Eröffnungsrede von Jobst Bittner

Als Initiator von "Marsch des Lebens" sprach Pastor Jobst Bittner beim Begegnungsabend als Deutscher und Nachfahre der deutschen Tätergeneration über die Verantwortung Deutschlands für den Mord an sechs Millionen Juden, an über 50 Millionen Toten und für das Leid, das durch Nazi-Deutschland über viele Völker gekommen ist, und ließ Österreichs Mittäterschaft nicht unerwähnt.

Pastor Jobst Bittner erinnerte in seiner Eröffnungsrede an das unvorstellbare Leid der Häftlinge in den Lagern von Mauthausen und Gusen, die heute ein Mahnmal für die Nazi-Schreckensherrschaft sind. "Niemand kann das Leid der Häftlinge ermessen, die in diesen Lagern ihrer Menschenwürde beraubt, gequält, misshandelt und ermordet wurden. Ihre Schreie sind bis heute nicht verstummt. Der systematische Massenmord war der Höhepunkt des NS-Rassenwahns." - Jobst Bittner sprach als Deutscher und Nachfahre der deutschen Tätergeneration über die Verantwortung Deutschlands für den Mord an sechs Millionen Juden, an über 50 Millionen Toten und für das Leid, das durch Nazi-Deutschland über viele Völker gekommen ist, auch wenn Österreich und andere Nationen ihre Schuld an den Verbrechen entdecken und dies immer öfter auch aussprechen. Angesichts des unsäglichen Leids und Schmerz, der den Holocaustüberlebenden und ihren Nachkommen zugefügt wurde, bekennt er, dass sich Deutsche nur in Demut beugen können und in Freundschaft an der Seite Israels stehen können. Deswegen ist er mit einer Delegation von über 50 Personen angereist.

Deutschland steht zwar für die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit in Presse und Medien, aber der erste Eindruck trägt. Statistische Erhebungen stellen fest, dass 25% der deutschen Bevölkerung in irgendeiner Weise antisemitische Vorurteile hegt, rechtsradikaler Terror blüht auf und eine einseitige und anmaßende Verurteilung Israels unter völliger Verkennung der bedrohlichen Sicherheitslage trägt das Bild. Das gleiche Bild sieht man in Europa und Österreich ist davon nicht ausgenommen. Über 40% Österreicher glauben noch immer, dass am Nationalsozialismus nichts Schlechtes war. 37% glauben, Juden hätten zuviel Einfluss im Geschäftsleben und 43%, dass Juden zu viel Macht an den internationalen Finanzmärkten hätten, von antisemitischen Gewalttaten abgesehen. Warum konnte der Spuk des Antisemitismus und des Rassismus in Deutschland, in anderen europäischen Ländern und auch in Österreich nicht vertrieben werden. Judenfeindlichkeit und Rassismus sind schon wieder fest in der Mitte der Gesellschaft verankert. Der Europarat hat auch Österreich wegen Rassismus und Fremdenhass gerügt und schreibt, dass sich ein Klima der Ausgrenzung breit macht.

Warum Jobst es als Ehre empfindet, hier zu sein, hat mit der persönlichen Geschichte zutun, wie der "Marsch des Lebens" entstanden ist. Er kommt aus einer ehemaligen Nazi-Stadt, der Universitätsstadt Tübingen, in der während ihrer 1.400jährigen Geschichte Juden nur 120 Jahre willkommen waren. Als die Universität gegründet wurde, wurden die Juden für 400 Jahre vertrieben. 1933 galt die Universität als erste "judenfrei". Aus der Universität gingen 300 der Hauptmassenmörder und Leiter von Einsatzgruppen des Holocaust hervor, die allein für den Tod an 700.000 Juden verantwortlich waren. Bis in die 1980er Jahre tat sich die Stadt schwer mit der Aufarbeitung. Sie entzog sich ihrer Verantwortung und legte darüber eine Decke des Schweigens, konstatierte der Pastor. Die Situation, wie sie in der Nachkriegszeit in Deutschland war, schätzt er auch ähnlich in Österreich ein. - "Da war die Tätergeneration, die aktiv oder passiv in das Netz des Nationalsozialismus verstrickt war, sie schwieg über ihre Schuld und verdrängte, was sie getan oder gesehen hatten. Viele rechtfertigten das, was sie getan hatten und ihre Vergangenheit wurde beiseite geschoben. Für die wirklichen Opfer des Holocaust blieb in den deutschen wie in den österreichischen Familien kaum Betroffenheit oder Reue übrig. Die Schuld verschwand hinter einem undurchdringlichen Nebel. Hinter dem Vorhang des Familienschweigens wurde Judenfeindlichkeit, Ausgrenzung und Rassendenken von Generation zu Generation weitervererbt."

Man entdeckte, dass das Schweigen zum modernen Antisemitismus, Judenhass und Israelfeindlichkeit die selbe Dimension und Tragweite haben, wie das Schweigen der Eltern, Großeltern, zu dem, was sie gesehen hatten. Die meisten Menschen Nazi-Deutschlands gehörten zur schweigenden Mehrheit. Ihre jüdischen Nachbarn und Freunde wurden vor ihren Augen erniedrigt, verfolgt, abgeführt und getötet. - "Schweigen tötet, damals wie heute!" Die Enkel entdeckten die Schuldgeschichte ihrer Vorfahren und wollten nicht mehr darüber schweigen.

Das ist die Geschichte, die Tübingen erlebt hat und an so vielen Orten, an denen der "Marsch des Lebens" und "Die Decke des Schweigens"-Seminare durchgeführt werden. Sie wollten über die Schuldgeschichte ihrer Vorfahren nicht mehr schweigen. Ihre Vorfahren waren bei Massenerschießungen wie in Barbi Jar beteiligt, andere waren verantwortlich für die Vertreibung der Juden aus Städten und Dörfern, waren Offiziere der Waffen-SS oder in der Wehrmacht oder gehörten zu den Wachmannschaften von Konzentrationslagern. Die Kinder und Enkel wussten, dass sie die Geschichte nicht mehr ungültig machen konnten. Aber sie konnten mithelfen, dass sich die Geschichte nie wieder wiederholen kann.

Aus dieser Bewegung entstand der "Marsch des Lebens". Die Enkel gingen auf Wegen von Todesärschen zu Ehren der Überlebenden und ihrer Nachfahren. Mit der Bitte um Vergebung wollten sie Worte finden, die ihre Vorfahren nie gefunden haben. Jobst ist überzeugt, dass solange Holocaustüberlebende und ihre Nachkommen unter dem Schatten der Vergangenheit leben und darunter leiden müssen, ist die Verantwortung Deutschlands, sowie die Verantwortung Österreichs und anderer Nationen nicht beendet.

Das Bekenntnis zu Israel segnet und verändert die Tübinger und ihre Stadt zum Positiven. Die Universität hat detailliert, ungeschminkt beim Namen genannt und aufgearbeitet. Ein kleines Museum in der Innenstadt wird von tausend Touristen pro Jahr aus Israel besucht und sie sind bewegt, warum die Nachfahren der Nazi-Verbrecher ihr Schweigen brechen und die Geschichten ihrer Familien erzählen.

Das ist die Geschichte des "Marsch des Lebens", die im Jahr 2007 begann, als sie zum ersten Mal auf der Route der Todesmärsche in Süddeutschland gingen zusammen mit 300 Teilnehmern, Juden und Nichtjuden, Holocaustüberlebende und Nachfahren der Tätergeneration bis zur Gedenkstätte Dachau. Auf der Hauptseite der Jerusalem Post war anschließend zu lesen: "Eine deutsche Nazi-Stadt bittet um Vergebung". Bis heute hat der "Marsch des Lebens" in mehr als 120 Städten und in 12 Nationen stattgefunden und hat rund 120.000 Menschen mobilisieren können. Zahlreiche Menschen wurden durch die Medien erreicht.

Der "Marsch des Lebens" hat drei Ziele: Er will Holocaustüberlebende hören und sie ehren. Er will ein weithin sichtbares Zeichen setzen gegen den Rassenwahn und gegen den modernen Antisemitismus in unserer Zeit aufrichten. Und er möchte Menschen rufen in unverbrüchlicher Freundschaft an der Seite Israels zu stehen. - Die Geschichte der Holocaustüberlebenden stehen für all die ungezählten Namen und Geschichten, die nicht erzählt werden können. Die Erinnerung an diese Geschichten ist die Grundlage, dass wir unsere Zukunft gestalten können.

 

Zusammenfassung der Eröffnungsrede von Pastor Jobst Bittner
Initiator der "Marsch des Lebens"-Bewegung in Deutschland


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