Begegnungsabend mit Überlebenden

Was keiner der Initiatoren je für möglich gehalten hat,... am Samstag, den 5. April 2014 war beim Begegnungsabend mit Überlebenden vom KZ Gusen II der Sport Aktivpark in St. Georgen/Gusen mit 560 Teilnehmern bis auf den letzten Platz gefüllt.

Als Moderatorin des Abends begrüßte Marie-Louise Weissenböck aufs herzlichste, allen voran die Überlebenden von Gusen II. Dušan Stepan?i? kam aus Slowenien in Begleitung seiner Ehefrau Stenka, aus Polen Stanislaw Zalewski mit seiner Nichte Ewa Pytkowska, Armando Gasiani aus Italien, wurde begleitet von Mauro Borsarini, Yehiel Aleksander aus Israel von seinem Freund Igal EvenZiv, ein ehemaliger Offizier der Israelischen Armee, sowie Itzhak Bronstein, sein Sohn Zvika und Neffe Mordechai Golan kamen ebenso aus Israel. Dem bereits verstorbenen Joseph Fisher wurde von seinem Sohn, dem israelischen Filmproduzent David Fisher eine Stimme verliehen. David reiste mit seiner Ehefrau Liliane aus den USA an, wo er derzeit als Gastprofessor an der Yale University doziert. Unter den Ehrengästen waren auch Dr. Josef Pühringer, Landeshauptmann von Oberösterreich, Maximilian Aichern, Altbischof der Diözese Linz, die Bürgermeister von St. Georgen/Gusen und Katzdorf, der Vizebürgermeister von Langenstein, der katholische Pfarrer von St. Georgen und Langenstein, sowie aus den Reihen der Initiatoren die freikirchlichen Pastoren Jobst Bittner aus Tübingen, Helmut Eiwen und Jakob Krämer von den Elaia Christengemeinden und der evangelische Pfarrer Heribert Binder. In besonderer Weise dankte Marie-Louise Martha und Hannes Gammer, wie auch Rudi Hausschmied vom Gedenkdienstkommitee Gusen für die Zusammenarbeit und ehrte sie für ihre so wichtigen Beiträge ihrer langjährigen und mühevollen Erforschung der NS-Geschichte von Gusen und St. Georgen.

Die Eröffnungsrede

Als Initiator der "Marsch des Lebens"-Bewegung sprach Pastor Jobst Bittner aus Tübingen als Deutscher und Nachfahre der deutschen Tätergeneration über die Verantwortung Deutschlands für den Mord an sechs Millionen Juden, an über 50 Millionen Toten und für das Leid, das durch Nazi-Deutschland über viele Völker gekommen ist, auch wenn Österreich und andere Nationen ihre Schuld an den Verbrechen entdecken und dies immer öfter auch aussprechen.

Warum Jobst Bittner es als Ehre empfindet, mit einer Delegation von über 50 Personen aus Deutschland in Österreich zu sein, hat mit der Geschichte zutun, wie der "Marsch des Lebens" entstanden ist. Seit der Auseinandersetzung mit der Nazi-Geschichte von Tübingen entdeckte man in den eigenen Familien die Schuldgeschichte der Vorfahren und wollte nicht mehr darüber schweigen. Die Kinder und die Enkel wussten zwar, dass sie die Geschichte nicht mehr ungeschehen machen konnten, aber sie konnten mithelfen, dass sie sich nie wieder wiederholen kann. - Als Enkel gingen sie zu Ehren von Holocaust-Überlebenden und ihrer Nachfahren auf Wegen von Todesmärschen. Mit der Bitte um Vergebung wollten sie Worte finden, die ihre Vorfahren nie gefunden haben. Jobst Bittner ist überzeugt, solange HolocaustÜberlebende und ihre Nachkommen unter dem Schatten der Vergangenheit leben und darunter leiden, ist die Verantwortung Deutschlands, aber auch die Verantwortung Österreichs und anderer Nationen nicht beendet.

Die Geschichte des "Marsch des Lebens" startete im Jahr 2007 auf der Route der Todesmärsche in Süddeutschland. Zusammen mit 300 Teilnehmern, Juden und Nichtjuden, Holocaustüberlebende und Nachfahren der Tätergeneration gingen sie bis zur Gedenkstätte Dachau. Auf der Hauptseite der Jerusalem Post war anschließend zu lesen: "Eine deutsche Nazi-Stadt bittet um Vergebung".

[Eröffnungsrede von Jobst Bittner in ihrer Gesamtlänge]

Überlebenden eine Stimme geben...

Marie-Louise Weissenböck bat alle fünf Überlebenden auf die Bühne, um ihre Geschichten zu erzählen. Itzhak Bronstein aus Israel, wurde 1928 in Iski ehemals Tschechoslowakei, heute Ukraine in einer jüdischen Familie geboren, daher wurden sie verfolgt. Der Vorsitzende des Internationalen Mauthausen Komitees Dušan Stepan?i?, geboren 1927 in Gornij Grad in Slowenien wurde als jugendlicher Schüler im Widerstand gegen das deutsche Regime verraten und kam in verschiedene Konzetrationslager. Mit Gusen II verband er die schrecklichsten Erinnerungen. Der Vorsitzende des "Hauptvorstandes des Polnischen Verbandes ehemaliger politischer Häftlinge der NS-Gefängnisse und KZs" Stanislaw Zalewski wurde 1925 in Sucha Wola in Polen geboren. Er wurde in Warschau im Widerstand verhaftet und nach Auschwitz deportiert, schließlich kam er nach Mauthausen und Gusen. Yehiel Aleksander wurde 1927 in Sulejów Łódź in Polen geboren. Seine jüdischen Eltern wurden beim Ausbruch des Krieges der Deutschen gegen die Polen getötet. Als er selbst mit 12 Jahren verhaftet wurde, fühlte er sich wie ein Verbrecher. Armando Gasiani wurde 1927 in Castel di Serravalle in Italien geboren. Im Alter von 16 Jahren wurde er gemeinsam mit seinem Bruder im Widerstand verhaftet. Sein Bruder überlebte das Lager Gusen II nicht.

Alle erzählten über ihre Zeit der Verfolgung und ihren Kampf ums Ãœberleben in den NS-Konzentrationslagern. Jeder hatte seine eigene Geschichte erlebt, jedoch eines verband sie miteinander: Sie sind Zeugen einer schwer in Worte zu fassenden Vergangenheit vor 70 Jahren in Gusen II, sowie in den "Bergkristall"-Stollen von St. Georgen/Gusen. Sie alle litten unter menschenunwürdigen Lebens- und Arbeitsbedingungen und mussten mitansehen, wie ihre Mithäftlinge, Landsleute, Freunde oder der eigene Bruder gequält und gefoltert wurden und schließlich das Grauen nicht überlebten.

...sie hören und ehren

Die Überlebenden wurden in einer besonderen Weise geehrt. Drei Vertreterinnen aus den Nachkommen der Tätergeneration traten ihnen gegenüber und erzählten ihre Familiengeschichten mit dem Anteil ihrer Vorfahren am Holocaust. Die Enkelin eines SS-Mannes bekannte, dass ihr Großvater beim Juli-Putsch in Wien bereits 1934 aktiv auf der Seite der Nationalsozialisten stand, sich in jungen Jahren der HJ und der SS anschloss und sich in der Pogromnacht bei der Zerstörung der Synagogen in Wien beteiligte. Im Polenfeldzug nahm er Teil an den Gräueltaten der Wehrmacht. Als bekennender Anitisemit zeigte er später nie Reue. Nun aber möchte sie als Enkelin das Schweigen darüber in ihrer Familie brechen und für das Leid, das durch ihren Großvater über unzählige Familien gekommen ist, um Vergebung bitten. Ebenso bat jemand um Vergebung für ihren Großonkel, der von 1943 bis zur Auflösung des Lagers Auschwitz als Apotheker an Selektionen und beim Einwurf von Giftgas in die Gaskammer beteiligt war. Eine Enkelin bekannte, dass ihr Opa beim Aufbau des Lagers in Auschwitz tätig war. Er installierte die Elektrizität und baute den Lagerzaun, durch den Starkstrom geleitet wurde. Sie wollte für ihren Opa die Worte aussprechen, die er nie gesagt hätte und bat um Vergebung, dass er durch seine Arbeit für unzählige Menschen eine tödliche Hölle geschaffen hat.

Reaktionen der Überlebenden

"Diese jungen Leute sind Heldinnen, dass sie den Mut haben, die Schuld ihrer Vorfahren zu bekennen, sie auf sich nehmen und um Verzeihung bitten. - Das habe ich noch nie zuvor erlebt."
"Damals wurde ich gezwungen hierher zu kommen. Ich war nur mit meinem Körper hier. - Nun aber wurde ich hierher eingeladen. Nun bin ich mit meinem Herzen da."
"Ihr habt uns Mut gegeben, weiterzuleben. Wir waren schon müde, aber jetzt machen wir weiter. Wir wollen in Israel erzählen, wie wunderbar es in Österreich war. Jetzt sind unsere Herzen auch dort!"

Stimme aus der Öffentlichkeit

Landeshauptmann Pühringer, der die Szenen der Begegnung miterlebte, fasste zusammen:

"Ich habe ihre Geschichten mit großem Respekt gehört. Ich möchte aber auch denen Respekt zollen, die die Versöhnungsbitte ausgesprochen haben für das Verhalten und die Taten ihrer Vorfahren. Auch das hat mich sehr beeindruckt. Beim Hören der Lebensgeschichten ist mir ein Zitat des deutschen Bundeskanzlers Roman Herzog eingefallen, das ich schon öfter gebraucht habe: 'Weil wir uns die Größe und den Wahnsinn nicht vorstellen können und weil wir uns das Leid der Opfer nicht vorstellen können, darum ist die Begegnung mit den Zeitzeugen notwendig.'"

Als politisch Verantwortlicher gibt Herr Pühringer die Zusage, ein aktives Erinnern in diesem Land betreiben zu wollen, "nicht nur eine Pflege der Erinnerungsstätten, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den Ursachen, warum es soweit kommen konnte. Denn dieser Ungeist ist ja nicht aus heiterem Himmel gekommen." Den Überlebenden versprach er: "Das was hier geschehen ist, können wir nicht mehr verändern. Dafür, dass es nie mehr geschehen wird, dafür setzen wir uns ein, die wir heute Verantwortung tragen."

Begegnung bei Tisch

Danach erging eine herzliche Einladung zum Buffet, das mit wunderschönen Klezmermelodien aus der ostjüdischen Musiktradition von Marie-Louise Weissenböck am Keyboard und Rupert Stelzer auf der Klarinette untermalt wurde. Trotz der vielen hungrigen Teilnehmer, die sich an den drei Ausgabepunkten der Speisen in endlos langen Schlangen formierten, blieb die Stimmung im Saal warm, herzlich und harmonisch.

Der "Ausklang"

Der Begegnungsabend klang schließlich mit einer musikalischen Überraschung der Kisi Kids, den God's singing kids aus Altmünster unter der Leitung von Hannes Minichmayr und Johanna Binder aus. Ihr Chor mit 30 Kindern und Jugendlichen sang Lieder aus dem in Österreich wenig bekannten Musical "Sound of Music", die Melodien "Do-Re-Mi", "Edelweiss", "So Long, Farewell". Ihre musikalische Einlage, die alle Herzen berührte, schlossen sie mit dem Segensgebet "Shma Israel".

 

[Hier ein Link zu mehr Fotos] © Marsch des Lebens Österreich


Ein Dank...

an alle, die im Hintergrund als Ordnerinnen und Ordner, als Technikerinnen und Techniker, als Kuchenspenderinnen und -Spender, als Kellnerinnen und Kellner für das Gelingen dieses bewegenden Begegnungsabends beigetragen haben.

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