Filmnachmittag "Six Million and One" mit David Fisher

Den Auftakt zum ersten "Marsch des Lebens" in Österreich machte Samstag nachmittag, den 5. April 2014 die Filmpräsentation "Six Million and One". Eine Überwältigende Zahl von mehr als 500 Interessierten strömte in den Sport Aktivpark von St. Georgen/Gusen, um die filmische Aufarbeitung der Spurensuche von David Fisher gemeinsam mit seinen Geschwistern nach der Vergangenheit ihres Vaters im Konzentrationslager Gusen zu sehen.

Aus dem Podiumsgespräch mit David Fisher

Im Anschluss an die Filmpräsentation führten Marie-Louise Weissenböck und Gerhard Führer ein Podiumsgespräch mit David Fisher, das von Martina Führer übersetzt wurde.

[Link zum gesamten Gespräch von 30 Minuten]

Obwohl es sehr schwer war, überwand der israelische Filmproduzent David Fisher seinen inneren Widerstand und nahm die Einladung an, erneut an die traumatisierenden Erinnerungsorte1 seines Vaters zu kommen, um auch den Menschen vor Ort, in St. Georgen und Gusen seinen ergreifenden Dokumentarfilm zu zeigen. Er tat es, weil er einen Auftrag verspürt, auch hierzulande ein Gespräch über die dunkle Vergangenheit anzuregen. Davids Wunsch ist, dass die Menschen aufwachen und beginnen, sich mit den Ereignissen der Geschichte auseinander zu setzen, auch wenn es nicht einfach ist. - Im Film "Six Million and One" wird deutlich, dass es auch für die Opferseite schwierig war über ihre Vergangenheit zu reden. Sein Vater Joseph in der Rolle eines Opfers schwieg sein Leben lang. Zu schrecklich war das Tauma, das er durch das Mitansehen der Verbrechen, der Morde im Konzentrationslager erlitten hat. Nicht nur um seiner Selbst Willen war es ihm zu schwer, darüber zu reden, er wollte seine Kinder vor einem Trauma verschonen. Kurz vor seinem Tod schrieb er seine traumatischen Erinnerungen doch noch auf, weil sie das einzige "Vermögen" waren, das ihm über die Jahre seines Lebens geblieben war. Schließlich wollte er sie doch seinen Kinder als Vermächtnis hinterlassen.

Seit dem Auffinden der Memoiren benötigte David acht Jahre bis er bereit war, den Film zu produzieren. Dabei machten seine Geschwister und er die Erfahrung, dass das Trauma, unter dem ihr Vater Zeit seines Lebens gelitten hat, sich in der zweiten Generation fortsetzt. Schließlich aber überwog ein Gefühl der Verpflichtung dem Vater gegenüber, der nie selbst darüber reden konnte, darum sollte seine Geschichte erzählt werden. David sah sich bei den Dreharbeiten jedoch nicht der Geschichte gegenüber verpflichtet. Sein Ziel war, ein Gespräch innerhalb der zweiten Generation von Holocaustüberlebende anzuregen. Im Film diskutieren sie als Geschwister oft sehr emotional und heftig. Ihre gemeinsame Reise war für sie alle schwierig und sie arbeiten heute noch daran, sagte er beim Podiumsgespräch, aber dadurch fanden sie auch näher zueinander. - Als der Film erstmals in Linz gezeigt wurde, meinten Freunde, dass es für sie interessant sei, wie offen David und seine Geschwister miteinander waren. Auch sie würden zu Familientreffen gehen, - was sie aber mit den Eltern erlebt haben, sprechen sie nicht miteinander, sondern erst, wenn jeder mit seinem Partner wieder im eigenen Auto ist.

David hofft mit seinem Kommen beitragen zu können, dass wir uns auch in unseren österreichischen Familien näher kommen indem wir beginnen, über unsere Familiengeschichten zu sprechen, darüber hinaus auch ehrlich die Frage diskutieren: "War Österreich Opfer oder Täter?"

In der Diskussion zwischen den Geschwistern sind immer wieder auch Filmszenen mit humorvollen Gesprächen zu sehen. Auf die Frage welche Rolle Humor in der Auseinandersetzung mit so dunklen Inhalten spielt, meinte David: "Ohne Humor kein Leben!" Weil er und seine Geschwister sich so nahe stehen, können sie auch so tief miteinander über den Schmerz sprechen, den sie empfinden, was sie schließlich wieder zum Humor zurückführt. - David wurde auch gefragt, wie er seine Kinder in den Enstehungsprozess dieses thematisch so schwierige Filmprojekt eingebunden hat. Seine Erklärung war, dass er und seine Frau immer darum kämpfen, um die Beziehung zu ihren Kindern aufrecht zu erhalten. Er hofft, dass seine Kinder einmal kein Tagebuch nach seinem Tod finden müssen, um etwas über die Vergangenheit ihres Vaters zu erfahren. Das ist für ihn eine der wichtigsten Lehren, die er selbst aus dem Tagebuch seines Vaters gezogen hat. - David ist davon überzeugt, nur wer sich mit der Vergangenheit beschäftigt, hat auch eine Zukunft!


Der Film endet mit einem Picknick im Grünen, bei dem David gegenüber seinen Geschwistern feststellt, dass sich alles um das Leben dreht. Für ihren Vater begann an diesem Ort das Leben zurückzukehren, als eine Frau auf ihn zukam und ihm  Suppe gab. Es ist ein starkes Statement im Film, weil damit der Zuseher mit einer positiven Botschaft entlassen wird. Das Picknick aber ist nicht deswegen ein Filmelement geworden, um ein positives Ende zu herbeizuführen. An dieser Stelle machte der Produzent kurz einen Scherz, als er andeutete: "Eigentlich wollte ich nur ein Picknick machen. Da man aber für uns den Stollen öffnete, mussten wir auch in die Stollen hinein gehen!" - Trotz Picknick am Ende sollte der Film nicht mit Optimismus enden. Das Picknick ist nur ein Ausdruck der Normalität des Alltags, jedoch hat der gesamte Film den Holocaust zum Hintergrund, mit dem sich der Zuseher auseinandersetzen muss.

Zum Abschluss sprach Gerhard Führer im Namen vieler Zuseher im Saal, indem er bekannte, dass das volle Ausmaß des Traumas, durch welches Joseph Fisher in Gusen gehen musste, nie wirklich verstanden wird. Als Österreicher können wir jedoch die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Aber aus ganzem Herzen möchten wir ihm mitteilen, dass es uns sehr leid tut, was Davids Vater und damit auch seinen Nachkommen widerfahren ist. Wir fühlen eine starke Verpflichtung, dass die Erinnerung an seinen Vater und an das Schicksal der sechs Millionen Juden wach bleibt und niemals vergessen wird.

Zusammenfassung von Angelika Schlackl

 


 Anmerkungen

[1] Albert Lichtblau, Topografie und Erinnerung. In: Eleonore Lappin u. Albert Lichtblau, Die Wahrheit der Erinnerung. Innsbruck 2008. 107.

 

Aus ganzem Herzen danken wir David Fisher und seiner Frau Lilli, dass sie zur Filmpräsentation und zum anschließenden Podiumsgespräch, sowie zur Teilnahme beim "Marsch des Lebens" aus den USA angereist sind.

 

 

Link zu mehr Fotos von der Veranstaltung © Marsch des Lebens Österreich

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