Das "historische Schweigen"

In vielen gesellschaftlichen Ebenen hat es Jahrzehnte gedauert, die Mittäterschaft Österreichs an den Nazi-Verbrechen einzugestehen. Der Glaube, selbst "erstes Opfer des NS-Regimes" gewesen zu sein, wurde zu einem staatstragenden Mythos, der viele Formen institutionalisierter Gedenk- und Erinnerungsrituale an den Zweiten Weltkrieg prägte. Jedoch der tausendfache Judenmord auf österreichischem Boden blieb verdeckt und verschwiegen, wie die Geschichte der unterirdischen Stollenanlage "Bergkristall" in St. Georgen/Gusen.

"Die 'Decke des Schweigens' wird von Generation zu Generation weitergegeben und verhindert Versöhnung, Heilung und Wiederherstellung" bei uns persönlich, in Familien, in Kirchen und Gemeinden sowie in Städten und Nationen."1, beschreibt Jobst Bittner in seinem gleichnamigen Buch die Erfahrungen der TOS Gemeinde in der deutschen Stadt Tübingen. "Die Tübinger müssen es ja wissen, denn ihre Heimatstadt war "ein ideologisches Zentrum zur Zeit des Nationalsozialismus, aus dem Exekutoren und Massenmörder hervorgingen," so der Buchautor.2 "Existieren da nicht Parallelen zu Linz?" Adolf Hitler und Adolf Eichmann, Franz Stangl und Ernst Kaltenbrunner wurden in Linz sozialisiert, wuchsen hier auf, erhielten hier ihre Schulbildung oder sammelten erste Berufserfahrungen. Sie alle wurden zu NS-Ideologen besonderen Kalibers! Wie aber gehen wir in Österreich mit der Nazi-Geschichte in unseren Städten und unseren Familien um, wie mit unserer Geschichte der Shoa und dem Holocaust in Österreich?

Mauthausen trägt seine Lagergeschichte durch seinen Festungscharakter demonstrativ und weithin sichtbar vor sich her, jedoch das ehemalige KZ-Areal Gusen ist "unsichtbar", nach einer Nachkriegstransformierung unter einer idyllischen Einfamilienhaussiedlung verschwunden und die verfüllte Stollenanlage "Bergkristall" in St. Georgen bleibt im Berg verschlossen und verborgen.3 Eine "Decke des Schweigens" wurde unweit der Stadt Linz über einen Ort unglaublicher Nazi-Verbrechen gezogen. - Wie aber konnte das geschehen?

Eine "Decke des Schweigens" in Österreich

In den Nachkriegsjahren verstand es die neue Bundesregierung der Zweiten Republik, sich vor der internationalen Staatengemeinschaft glaubhaft als "erstes Opfer der nationalsozialistischen Aggression" darzustellen, indem sie sich auf die Moskauer Deklaration der Alliierten aus dem Jahr 1943 berief.4 Österreichs Mittäterschaft am Holocaust, die gleichermaßen darin verankert war, hat die neue Staatsregierung erfolgreich verschwiegen und verdrängt. Über Jahrzehnte beherrschte der von Schuld entlastende "Opfermythos" die kollektive Erinnerung und wurde Teil der Erinnerungskultur in Österreich. Diese Vergangenheitspolitik unseres Landes hat unzweifelhaft auch in unseren Familien und Kirchen mit historischem Desinteresse und Gleichgültigkeit Einzug gehalten. Die österreichische Historikerin Margit Reiter beobachtete in ihrer Studie zum "Nationalsozialismus im Familiengedächtnis" eine Abwehrhaltung und mangelnde Bereitschaft in unserer Gesellschaft sich mit der eigenen NS-Familiengeschichte zu befassen. Auch sie zog daraus den Schluss, dass Aufgrund der weitgehenden Ãœbereinstimmung zwischen den familiären und den politischen Narrativen in Österreich, die 'Opferthese' von den nachfolgendnen Generationen bis heute nicht kritisch hinterfragt wurde.5

Unmittelbar nach dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft wurden Kriegsverbrecher noch rigoros verhaftet und der Prozess gemacht. Gau- und Ortsgruppenleiter, NS-Bürgermeister, KZ-Aufseher, Industrielle, die Zwangsarbeiter beschäftigten, sowie Sympathisanten des Nazi-Regimes wurden zur Rechenschaft gezogen. An die 12.000 Österreicher wurden verhaftet, jedoch fehlten bald wichtige Köpfe der intellektuellen Elite in der Regierung, Verwaltung und Justiz, in Wissenschaft, Wirtschaft und Industrie. Mit Entnazifizierungsmaßnahmen nahm die österreichische Bundesregierung Einfluss auf die Nachkriegsjustiz. Wer dem Nazitum abschwor, wurde rehabilitiert, erhielt wieder seine Wählerstimme, kehrte an seinen Arbeitsplatz zurück und konnte auch wieder ein politisches Amt bekleiden. 1949 erließ das österreichische Parlament eine Generalamnestie6 und hob Gerichtsurteile über ehemalige NS-Verbrecher auf, deren Vollzug noch ausständig war. Dahinter verbarg sich ein klares politisches Kalkül, um Wählerstimmen bestimmter Gruppen zu sammeln. Zum Tod Verurteilte wurden begnadigt und in den 1960er Jahren frühzeitig aus der Haft entlassen. Die österreichische KZ-Geschichte und die "Geschichte des Shoa" wurden auf der Regierungsbank zum Tabu und konnte sich wie eine "Decke des Schweigens" über unser Land ausbreiten.

Die "Decke des Schweigens" über die Ermordung von Juden

Österreichs Selbstverständnis vom "ersten Opfer" prägte nach 1945 jede Form der Erinnerung. Als 1947 eine Gedenktafel am Eingang zum "Schutzhaftlager" des KZ Mauthausen das große Ausmaß der Opfer im Lagerkomplex von Mauthausen sichtbar machte, wurde den Opfern als "Bürger europäischer Nationen" nach ihrer nationalen, nicht aber nach ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit gedacht. Die Juden, subsumiert in ihren Herkunftsländern, fühlten sich jedoch als Vertriebene dieser Nationen nicht mehr zugehörig. Als Opfergruppe, die besonders hohe Opferzahlen aufwies, blieben sie im nationalen Gedenken unerwähnt, da "1947 noch kein jüdischer Staat existiert" hat, lautete in den 1960er Jahren eine offizielle Erklärung.7 Da es aber an sichtbaren Hinweisen fehlte, zog die österreichische Nachkriegsgeneration Jahrzehnte später unwissend und unaufgeklärt den fatalen Schluss, in Mauthausen wurden keine oder nur wenige Juden ermordet. Auch wenn es wissenschaftlich heute längst widerlegt ist, hat sich diese irregeleitete These als Folge der "Opferthese" ins kollektive Gedächtnis unserer Gesellschaft eingeschreiben und wurde somit Teil der Erinnerungskultur in unseren Institutionen, Familien, Kirchen und Gemeinden. Die Ermordung Tausender Juden in Österreich wird verschwiegen und verdrängt.

Dass nach dem Krieg kein ehrlicher Gesinnungswandel gegenüber den Juden stattgefunden hat,8 spiegelt sie nicht nur in der Erinnerungskultur unseres Landes wider, sie wird gleichsam deutlich in einer unveränderten antisemitischen Haltung bei der Rückstellung von arisiertem jüdischen Vermögen. "Wiedergutmachung" im Sinne von Restitution jüdischen Vermögens wurde auf die lange Bank geschoben, wie es 1948 der damalige Innenminister Oskar Helmer im Rahmen einer Parlamentsdebatte prolongierte: "Ich wäre dafür, dass man die Sache in die Länge zieht!"9 Eine unveränderte feindselige Gesinnung gegenüber Juden führte dazu, dass jüdische Opfer von der Österreichischen Lagergemeinschaft nicht anerkannt wurden.10 Ein unübersehbares Beispiel dafür sind jene Denkmäler der Massengräber entlang der Route der Todesmärsche, die im April 1945 von Mauthausen/Gusen über Asten, St. Florian/Linz, Ansfelden, Pucking, Weißkirchen, Schleißheim bis ins 55 km entfernte KZ Gunskirchen führte. Die 6.000 Toten am Weg waren überwiegend jüdische Menschen, jedoch das Wort "Jude" ist nicht zu finden. - Es würde Österreich zu einem "Land der Shoa" erklären! -

Das ehemalige Konzentrationslager Gusen, insbesondere die mehrheitlich jüdische Geschichte des Lagers Gusen II, das von einheimischen Zeitzeugen als "Judenlager" bezeichnet wurde,11 steht wie ein Synonym für die Ermordung tausender jüdischer Menschen in unserem Land. Unglaubliche Opferzahlen von jüdischen Ermordeten auf österreichischem Boden finden sich erst seit einigen Jahren in neuerer Forschungsliteratur zum KZ Gusen und zu Todesmärschen ungarischer Juden.12 Jahrzehnte lang aber lag eine undurchdringbare "Decke des Schweigens" darüber. Rudolf A. Haunschmied, Mitglied des Gedenkdienstkomitees Gusen und selbst Autor mehrer Expertisen, findet sehr deutliche Worte zur verschwiegenen Haltung unserer Regierung:

"Die Vernichtung von Menschen in Zusammenhang mit diesem Konzentrationslager in Österreich ist die größte Tragödie, die bis heute der Weltöffentlichkeit vorenthalten wird. Es ist dort Unfassbares geschehen, jedoch steht die Österreichische Staatsführung mit einer anhaltenden Ohnmacht diesem superlativen nationalsozialistischen Erbe gegenüber.13

Nur eine ehrliche Auseinandersetzung mit unserer jüdischen Geschichte in Hinblick auf den Holocaust in Österreich wird sichtbar machen, ob unseren Herzen "Selbstrechtfertigung, Relativierung oder Opfermentalität"14 im Weg stehen, um Gottes Heilsplan zu erkennen, der uns untrennbar mit seinem auserwählten Volk Israel verbindet. - Die Wunden, wie sie Orte wie Mauthausen, Gusen und St. Georgen durch ihrer grauenvolle KZ-Geschichte verursachen, brauchen beide Seiten für eine Heilung, Versöhnung und Wiederherstellung, gleichgültig ob wir der ersten, zweiten oder dritten Opfer- oder Tätergeneration angehören. Gusen braucht einen "Marsch des Lebens", auf dem beide Seiten aufeinander zugehen können! - 70 Jahre sind nicht zu früh, um das Schweigen zum Holocaust auf österreichischem Territorium bei einem "Marsch des Lebens" öffentlich zu brechen!

"Und ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist in euch geben und will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben." (Hesekiel 36,26)

Angelika Schlackl


Anmerkungen

[1] Jobst Bittner, Die Decke des Schweigens. Tübingen 2011. 25.
[2] Ebenda.
[3] Aleida Assmann, Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München 2006. 226.
[4] S. Verosta, Die internationale Stellung Österreichs. Eine Sammlung von Erklärungen und Verträgen aus den Jahren 1938-47. 1947.
[5] Margit Reiter, Die Generation danach. Der Nationalsozialismus im Familiengedächtnis. Innsbruck 2006. 283.
[6] Melanie Dejnega, Rückkehr in die Außenwelt. Öffentliche Anerkennung und Selbstbilder von KZ Überlebenden in Österreich. Wien 2012. 24f.
[7] Bertrand Perz, Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur Gegenwart. Innsbruck, Wien u. Bozen 2006. 189.
[8] Helga Embacher, Neubeginn ohne Illusionen. Juden in Österreich nach 1945. Wien 1995. 105.
[9] Wortmeldung in der 132. Ministerratssitzung, 9. November 1948, zitiert nach: Robert Knight [Hg.], "Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen." Wortprotokolle der österreichischen Bundesregierung von 1945 - 1952 über die Entschädigung der Juden. Frankfurt/Main 1988, 197.
[10] Perz, Die KZ-Gedenkstätte Mauthausen 1945 bis zur Gegenwart. Innsbruck, Wien u. Bozen 2006. 69 u. 189.
[11] Rudolf A. Haunschmied [u.a.], St. Georgen, Gusen, Mauthausen. Concentration Camp Mauthausen Reconsidered. Norderstedt 2004. 183.
[12] Vgl. Stanislaw Dobosiewicz, Vernichtungslager Gusen. Band 5. Wien 2007. 295-301; Haunschmied [u.a.], Reconsidered. Norderstedt 2004. 63f; Eleonore Lappin-Eppel, Ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen in Österreich 1944/1945. Arbeitseinsatz - Todesmärsche - Folgen. Wien u. Berlin 2010. 457; Karl Littner, Life Hanging on a Spider Web. From Auschwitz-Zasole to Gusen II. Norderstedt 2011. 278.
[13] Rudolf A. Haunschmied. URL: www.gusen.org. 06.09.2013.
[14] Bittner, Die Decke des Schweigens. 243.

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