Zur Geschichte von Gusen

In nur 5 km Entfernung vom Konzentrationslager Mauthausen wurde bereits 1939/40 ein eigenständiges, jedoch heute weitgehend unbekanntes Lager Gusen errichtet, das im Laufe der nationalsozialistischen Herrschaft durch den Bau einer unterirdischen Stollenanlage und der Errichtung von zwei weiteren Häftlingslagern gigantische Ausmaße annahm.

Was viele in Österreich nicht wissen,...

...1939/40 wurde nahe gelegen vom Konzentrationslager Mauthausen das KZ Gusen I zum Abbau der Granitsteinbrüche von Gusen und Kastenhof als eigenständiges Zwillingslager errichtet.1 Vom Anfang an herrschten für die Gefangenen in Gusen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und täglich wurden von den SS-Wachen brutale Gewalt und gezielte Morde an ihnen verübt. Mit der wachsenden Bedeutung der Rüstungsindustrie reduzierte 1943 das SS-Unternehmen "DESt"2 den Steinabbau und vermietete ihre Steinmetzhallen an die Steyrer Daimler Puch AG für die Waffenproduktion. Im benachbarten St. Georgen errichtete die DESt stattdessen einen riesigen Industriepark mit der Tarnbezeichnung "Untergrundprojekt 'Bergkristall' - Esche II" als Ersatz für die bombadierten Messerschmittwerke in Regensburg.3 In nur 13 Monaten wurde ein 10 km langes Stollensystem für die größte und modernste unterirdische Fabrikationsanlage in den Berg getrieben. In einer streng geheimen Mission des NS-Regimes wurden am Fließband deutsche Düsenjagdbomber der Type Me 262 produziert. Bis 1945 wurden von über 71.000 Häftlingen aus Polen, Italien, Ungarn, Frankreich, Spanien,... Zwangsarbeiter, Kriegsgefange, politische und einer großen Zahl jüdischer Häftlinge,... nach polnischer Forschung an die 44.000 Menschen ermordet.4 Todesursachen waren brutalste Arbeitsbedingungen in den Steinbrüchen von Gusen und beim Stollenausbau in St. Georgen, menschenverachtende Lager- und Haftbedingungen unter Hunger und Krankheit, sowie die Anwendung grausamster Folter.  

Zum raschen Ausbau der unterirdischen Stollenanlage "Bergkristall" in St. Georgen forderte Hitler von Himmler "jüdisches Menschenmaterial" aus den Lagern im Osten an.5 Tausende junge, noch arbeitsfähige jüdische Männer wurden in Auschwitz für dieses mörderische Unternehmen selektiert und ab 9. März 1944 in das neu errichtete KZ Gusen II deportiert, das von der einheimischen Bevölkerung als "Judenlager" bezeichnet wurde.6 Es wurden vor allem jüdische Menschen aus ganze Europa, aber auch nichtjüdische Widerstandskämpfer aus vielen Nationen in dieses primitivste aller Lager deportiert. 18.000 Menschen hat man in überfüllten Holzbaracken ohne Essen, ohne sanitäre Einrichtung, ohne Wasserversorgung untergebracht. Die Häftlingstransporte stiegen so massenhaft, dass die Gefangenen nicht mehr alle zur Arbeit eingesetzt werden konnten. Man ließ die mit Menschen überfüllten Waggons so lange am Verschiebebahnhof stehen, bis die Häftlinge verhungert, verdurstet und erfroren waren.7 Die Lage der Juden, darunter auch Frauen und Kinder, war besonders verzweifelt.8 Ihre Todesrate erreichte bis zu 98%.

Die "Hölle von Gusen"...

...länger als vier Wochen zu überleben, war wie ein Wunder, das nur wenige jüdische Häftlinge wie der damals 16-jährige Joseph Fisher erlebten.9 Nach wochenlanger Sklavenarbeit in Gusen musste er noch innerhalb von drei Tagen 55 km "Todesmarsch" ins Waldlager Gunskirchen/Wels bewältigen. Es hätte seine Endstation werden können, wäre er nicht rechtzeitig im Mai 1945 von US-Soldaten befreit worden. Wie viele seine Leidensgenossen hüllten ihn seine traumatischen Erinnerungen bis an sein Lebensende in eine "Decke des Schweigens".10 - Kurz vor seinem Tod schrieb Joseph Fisher seine Erinnerungen an Gusen und Gunskirchen als Vermächtnis für seine Kinder nieder. Erst nach dem Ableben des Vaters erfuhren diese aus den Aufzeichnungen von dessen entsetzlichem Schicksal. Ein unbeschreiblicher Schmerz überkam sie auf einer Reise in die Vergangenheit ihres Vaters an die Orte des Grauens in Oberösterreich.11 Ihre Narben sind zu spüren in David Fishers bemerkenswerten psychoanalytischen Dokumentarfilm "Six Million and One" (siehe Trailer auf Vimeo).

 


 Anmerkungen

[1] Rudolf A. Haunschmied [u.a.], St. Georgen, Gusen, Mauthausen. Concentration Camp Mauthausen Reconsidered. Norderstedt 2004. 50.
[2] "DESt" ist ein Akronym als Kurzbezeichnung für "Deutsche Erd- und Steinwerke".
[3] Stanislaw Dobosiewicz, Vernichtungslager Gusen. Band 5. Wien 2007. 202f.
[4] Vgl. Dobosiewicz, Vernichtungslager Gusen. 173.
[5] Haunschmied [u.a.], Reconsidered. Norderstedt 2004. 182.
[6] Ebenda. 183.
[7] Ebenda. 185.
[8] Dobosiewicz, Vernichtungslager Gusen. 300f; Karl Littner, Life Hanging on a Spider Web. From Auschwitz-Zasole to Gusen II. Noderstedt 2011. 293-316.
[9] David Fisher, Six Million and One. Dokumentarfilm, Israel 2011.
[10] Vgl. Dobosiewicz, Vernichtungslager Gusen. 321.
[11] Fisher, Six Million and One.

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